Der blinde Fleck und die gütige Gnade

In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt!

Auch wir sind die Verfasser der anderen, wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage.
Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt.
Wir wünschen ihm, dass er wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellungen von ihm aufzugeben.
Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer.

Sei dankbar, wenn du sehend für blinde Flecke wirst, dann werden wir reif für das Gebet: „Vater vergib mir, vergib uns, vergib ihnen, denn ich und wir wissen nicht, was wir da tun.“ … und Jesus macht mich frei für ein Leben im Überfluss, so wie ich bin, nackt und ohne Schutzmechanismus.

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32 Gedanken zu “Der blinde Fleck und die gütige Gnade

  1. Hallo Maze, eingentlich ist das Ding ganz einfach und tatsächlich in der Umsetzung harter Beton … Kurzfassung: Ursache und Wirkung und den Mut haben, sich selber offen zu reflektieren, warum das hier gerade eine Wirkung hat. Der berühmte Stein, der ins Wasser fällt und Wellen schlägt.

    Dabei stellt man dann schutzlos und nackt fest, wie angreifbar man ist, wie verdammt weh das tut und das man alles andere als perfekt ist, dass das aber Jesus schon immer wusste und uns endlos liebt und uns so warmherzig entgegen kommt und wirklich ALLES getragen hat. In diesem Ding zwischen Schmerz, Erkenntnis, Buße und Warmherzigkeit wächst die Demut und man kann nicht anders als verzeihend zu beten „Vergib uns, denn wir wissen nicht was wir (bei dem anderen) anrichten“ … man selber weiß sich dabei von Gott geliebt, kann sich viel „anders“ annehmen und bekommt mit der Zeit auch einen Blick für die eigenen blinden Flecke im Leben und kann es „annehmen“, sich hinterfragen zu lassen.

    Maze, das ist aber nicht’s für weiche Jungs und Mädchen, was habe ich an der Stelle schon für Tränen vergossen und weitere werden folgen … heilsame Tränen

  2. Mmmhm, grübel immer noch rum. Wenn ich das überkonsequent zu Ende denke, verunmöglicht das Seelsorge, denn da muss ich ja erst einmal meinen Wahrnehmungen vom anderen trauen und darf diese nicht direkt brechen… die Kunst liegt darin, diese nicht als Identität des Anderen zu betrachten, sondern in aller Zerbrochenheit das bereits in ihm oder ihr zu sehen, das möglich wäre, wenn Heilung geschieht… dabei gleichzeitig die eigene Wahrnehmung immer wieder unter Gottes Augen prüfen – denn meine Wahrnehmungen haben ja genauso viel mit mir wie mit meinem Gegenüber zu tun. Trotzdem möchte ich mutig dem trauen, was Gott mir schenkt in einem Gespräch und nicht dauernd auf Zehenspitzen gehen… grübel weiter…

  3. „die Kunst liegt darin, diese nicht als Identität des Anderen zu betrachten“ – Ja!!

    „meine Wahrnehmungen haben ja genauso viel mit mir wie mit meinem Gegenüber zu tun.“ – Ja!

    „Trotzdem möchte ich mutig dem trauen, was Gott mir schenkt in einem Gespräch und nicht dauernd auf Zehenspitzen gehen“ – Ja!!!

    … auf Zehenspitzen gehen, ist ja auch nicht das Leben im Überfluss.

  4. ja – sehr schöner Beitrag Bina!

    mein brainstorming dazu:
    …darum ist es so wichtig „vor Augen“ zu haben (wie eine UV-Brille, die schädliche Strahlung abhält 😉 ), wer der andere und wer wir in Gottes Augen sind!

    …deswegen ist die Unvergebenheit auch die schlimmste aller Verfehlungen, da wir den anderen und uns selber damit „festnageln“ – sie verhindert sozusagen die Auferstehung der Beziehungen und damit das Leben im Überfluß!

    …wir sollen ja die Dinge klären „solange wir auf dem Weg sind“ (sonst bekommen wir es mit den Folterknechten zu tun) und wir sollen vergeben „bevor die Sonne untergeht“ – wie könnte sonst Gottes Gnade jeden Morgen neu sein?!

    …DAS ist unser „Schutzmechanismus“ und das lässt uns nichtmehr nackt sein, sondern kleidet uns in die herrlichen Gewänder der Gnade und Gerechtigkeit!

    LG + Segen

  5. Gut gesagt mit den Folterknechten, das ist wirklich wah!!!. Nur gut, daß wir selber dieses:“Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ nachsprechen dürfen, wenn uns das Vergeben zu schwer fältt. Ist aber gesünder, selbst immer 7mal 70 zu vergeben, das Vergeben zu trainieren und in dieser Haltung der Vergebungsbereitschaft zu leben.

  6. Der blinde Fleck ist der Haltepunkt für die Fessel, die Menschen dazu bringt andere Menschen in Erstarrung zu halten, manchmal unbewusst, manchmal bewusst. (sie wissen nicht was sie tun, spielen dem Folterknecht in die Hände). Über die Verletzung kann Kontrolle, Druck ausgeübt werden. Darum ist Vergebung so wichtig, dem Schuldiger vergeben, um Vergebung beten, Vergebung annehmen. 7 mal 70 und 7 mal mehr.

    Einem Folterknecht kann man dann sagen: ‚Du erreichst uns nicht, kannst uns nicht mehr belästigen, wir haben einander vergeben – es geht dich nichts an!‘

    Herzlich, mar.
    >

    PS: Das Zitat von Antoine de St. Exupéry ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut‘ ist sehr schön. Kein Mensch sieht in’s Herz wie es Gott tut (Der Mensch sieht nur was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an) es ist aber eine gute Übung im kleinen Menschsein.

  7. Hallo Sabina, ein schöner Post. Aber schwer ;). Da ist die Info so komprimiert und lyrisch geschrieben, wie ich es (als Vielwort-Benutzer) niemals könnte – wow – sehr schön. Erinnert mich irgendwie an C.S. Lewis.

    Das muss ich mir zu Hause nochmal durchdenken!

  8. Hallo Sabina,

    es ist manchmal schwierig sich in Gleichnissen zu verstehen, es freut mich, dass ich Dich richtig verstanden habe – ich glaube ich konnte deine Überlegungen nachvollziehen.

    Liebe Grüße
    mar. 🙂

  9. Hey Sabina, dein Text gefällt mir!
    „Blinde Flecken“ sind schuldhafte Unkenntnis.
    Schuldhaft deshalb, weil wir unserer oberflächlichen Wahrnehmung „blind“ glauben und andere Menschen subjektiv zu „Produkten“ machen.
    Wir sehen, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz.
    Liebe lässt uns dem anderen begegnen, so dass wir anfangen, sein Herz zu sehen.
    Christian

  10. Hey Sabina, dein Text gefällt mir! Blinde Flecken haben eindeutig mit lückenhafter Wahrnehmung zu tun. Der Mensch sieht nur, was vor Augen ist, doch Gott sieht das Herz.

  11. Hallo Christian, Willkommen auf meinem Blog. Danke für deinen Beitrag. Lückenhafte Wahrnehmung … ja … Mut zur Lücke – kein einfaches Ding, wenn es um einen selber geht 🙂 … entwaffnend, schmerzhaft, lohnenswert 🙂
    Sabina

  12. Du zeichnest ein realistisches Bild der Gefangenschaft und Erstarrung in (und aufgrund) der fehlerhaften, phantasielosen gegenseitigen Wahrnehmung und Beurteilung der Menschen.

  13. Hi Sabina,
    ja wir sind irgendwie wie rohe Eier, die im wahrsten Sinne des Wortes durch´s Leben eiern, empfindlich, verletzlich und äußerst empfänglich für das, was andere in uns sehen.
    Sind wir selbst – oder nur durch andere?
    liebe Grüße
    Mike

  14. „Sind wir selbst – oder nur durch andere?“ (Mike)

    Wir sind auch noch selbst!
    Das ist ja das Problem, sonst würden wir nicht leiden.

    Jemand hat mal gesagt: „Wenn es etwas Ewiges im Leben des Menschen gibt, dann sind es die Verletzungen der Kindheit“ (wobei ich das metaphysisch Ewige mal ausklammern möchte).
    Derjenige hat Recht.: In der Kindheit Ungeliebte und Missachtete sind Zeit Lebens viel verletzlicher und brauchen den Zuspruch und die Achtung anderer viel mehr als Menschen, die als Kind geliebt und geachtet wurden. Letztere sind stark wie „die Eiche, die es nicht stört, wenn die Sau sich an ihr scheuert“, wie man so sagt.
    Darin liegt die große Verantwortung von Eltern.

  15. „In der Kindheit Ungeliebte und Missachtete sind Zeit Lebens viel verletzlicher und brauchen den Zuspruch und die Achtung anderer viel mehr“ (Sabina)

    Welch´ wahre, weise Worte – kann mich denen nur anschließen!

  16. „In der Kindheit Ungeliebte und Missachtete sind Zeit Lebens viel verletzlicher und brauchen den Zuspruch und die Achtung anderer viel mehr“ (Sabina)

    Mike, das hat Christian geschrieben, nicht ich 🙂 …

    Sabina

  17. Hallo Mike und Christian,

    hm … ich unterstütze euch sicherlich in der Ansicht, dass Verletzungen aus der Kindheit einen Menschen lange und manchmal ewig verfolgen; dass gerade diese Menschen besonderen Zuspruch und Achtung verdienen und das Eltern eine große Verantwortung tragen.

    Doch … und nun kommt mein Dementi:

    – ich darf meine Verletzungen aufdecken, sicherlich auch tief und schmerzhaft buddeln, wo die bittere Wurzel sitzt, und dann mit dieser bitteren Wurzel zu Jesus kommen, damit er sie heilt … für ewig, auch wenn manchmal der Schwanz der Schlange noch zucken mag oder sogar kräftig wedelt.

    – kein Mensch kann mich so sehr lieben und vor allem unverletzt lieben, dass ich ohne Schaden aus dem Leben trete … das kann nur Gott unser himmlischer Vater. Das Problem hierbei allerdings, nicht immer spüren wir diese Liebe Gottes, weil wir unseren Blick und unsere Erwartungen auf „die falsche“ Liebe (wir erwarten vom anderen für unser Glück) fokussieren und uns für die „wahre“ Liebe (wir empfangen von Jesus durch den anderen) verschliessen.

    – Jeder Mensch brauch Zuspruch und Achtung, nicht nur die besonders verletzten. Jeder Mensch brauch Liebe, sehnt sich nach Liebe … auch die Eltern. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Jesus nimmt die Liebe für jedermann sehr ernst. Sie ist so rein, ich schaffe es nicht 1. Korinther 13 umzusetzen, aber Jesu misst dieser Liebe viel bei. Sie ist sogar das wichtigste Gebot der Bibel.

    – ich weiß nicht, ob das Anspruchsdenken an die Eltern eine zu hohe Bürde ist, die schon im Fordern dieses Anspruchs scheitert. Damit will ich nicht sagen, dass dies Verantwortung unwichtig ist. Sie ist mega wichtig, aber ich will sagen: wir alle machen aktive Fehler oder passive Fehler durch Versäumnisse und tragen Schuld. Da ist kein einziger unter der Sonne Gottes, der gerecht wäre. Und auch wir tragen die Schuld unserer Eltern als Eltern weiter … wenn wir sie denn nicht ans Kreuz bringen, was mit verlaub ein manchmal langer Lebensprozess ist.

    – Nicht zuletzt sei die Co-Abhängigkeit genannt, dass es etwas gefährliches ist, sein Glück von dem anderen abhängig zu machen. Das was wir von den Eltern nicht bekommen haben, erwarten zu oft unterschwellig vom Partner und wie oft scheitern dadurch Beziehungen. Bei allem gibt es Mittel und Wege diesen immer wiederkehrenden Kreislauf, den sündigen roten Faden in der Familiengeschichte zu entlarven und zu unterbrechen, damit wir dieses Erbe nicht weitergeben. Damit öffne ich sogar mal den klassischen Kreis der Vererbung an die eigenen Kinder, da ich selber z.B. kinderlos bin, aber wir vererben durch unsere heile Persönlichkeit an unsere Mitmenschen im Umkreis das Salz und Licht Jesu, somit ein ausgewogenes Verhältnis im Umgang jeglichen Mistes.

    Mein Post und auch dieser Kommentar hier von mir … das ist schon Tiefenpsychologie, die man hier auf dem Blog nicht betreiben muss, aber hier nun mal angekratzt ist.
    Ich möchte einfach einladen, die Vaterliebe Gottes zu entdecken, dies wahnsinnige Geschenk Jesu zu verstehen, die Möglichkeiten zu entdecken, die uns der Glaube schenkt, das Wort ernst und wahr für sich persönlich in Anspruch zu nehmen,

    wenn z.B. Gott sagt: ich bin dein Anwalt, kein Mensch hat das Recht dich zu verurteilen, dich zu verdammen; Ich dein Gott, habe dich schon längst gerecht gesprochen; du bist mein Kind, du bleibst mein Kind, egal was du verzapftst und eines Tages werde ich all deine Tränen trocknen; denn ich habe dich im Mutterleib geformt und gewollt und gewusst, wie dein Leben wird.

    Mit diesem Gott im Rückrat brauchen wir nicht eiern, dürfen wir mit der Vergangenheit versöhnt leben und werden gerade durch unsere Verletzungen eine starke Eiche, an der sich gerne die Sau scheuern darf. Und Liebe …. die brauchen wir alle, auch und gerade die Sau. 😉

  18. Wer dies Ding „Gottes Liebe versus enttäuschte Liebe“ vertiefen möchte, dem empfehle ich jetzt schon das Buch von einem Freund von mir: Lass dich fallen und flieg von Christof Lenzen (klick).

    Jetzt schon empfehlen … weil ich es zwar selber noch nicht zu Ende gelesen habe, immer wieder aber mal Absätze gestreift habe, die Serie in der Aufatmen verfolge und eine Rezi versprochen habe …. empfehlen deshalb, weil ich erkenne, Christof und ich reden hier grundsätzlich (jedoch mit unseren eigenen Worten) von ein und der selben Sache. Wer also auf eine authentische Entdeckungsreise gehen möchte, nur zu … es lohnt sich!

  19. Ich wollte nicht die Kraft und Wirksamkeit der Gnade Gottes in Frage stellen, selbst die verletztesten Menschen zu sich zu ziehen und sie dauerhaft und vollständig von allen Verhaltensauffälligkeiten und zu heilen und von jeglicher Abhängigkeit von der Beurteilung und Behandlung durch andere Menschen zu befreien.
    Für Gott ist das kein Hindernis. Viele Biografien bezeugen das.
    Es gibt keine menschliche Not, für die es nicht in seinem Wort eine Verheißung gibt.

    Wie Jesus sagt: Die Gesunden (solche, die sich dafür halten) bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken (denen ihr bedürftiger Zustand bewusst ist).

    Menschengemachte „Innere Heilung“-Programme, „Befreiungsdienste“ etc., wie sie in einigen Kreisen praktiziert werden („mit Jesus zurück in die Kindheit …“) sind da letzten Endes nicht hilfreich.
    Das sind Mischkonzepte, in denen Jung und Adler grüßen lassen und die mit biblischer Seelsorge wenig zu tun haben.

    Christliche Seelsorge setzt, wie du auch schreibst, Wort-orientiert an: „Das Wort vom Kreuz ist … uns, die wir gerettet werden, eine Gotteskraft“.

  20. Danke Christian 🙂

    … und ich hoffe sehr, es ist angekommen, dass auch ich nicht kritisch deinen vorherigen Kommentar in Frage stellen will, sondern ich „lediglich“ inspiriert war, meine Gedanken ausführlich zur Ergänzung (und auch zum Hinterfragen) hier rein stelle.

    Einen gesegneten Tag wünsche ich dir und meinen Lesern.
    Sabina

    Ein wenig Musik von den Söhnen Mannheims: Vielleicht. (klick)

  21. „Wer dies Ding „Gottes Liebe versus enttäuschte Liebe“ vertiefen möchte, dem empfehle ich jetzt schon das Buch von einem Freund von mir: Lass dich fallen und flieg von Christof Lenzen.“

    Mit Christof Lenzen hatte ich bereits die Ehre. Er ist ein guter Menschenkenner, der nach kurzem virtuellem Austausch genaustens über mein „wahres Gesicht“ im Bilde ist und mich daher als persona non grata einstuft.

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