Gebrochene Flügel

Herr Jesus,
wie sehr habe ich gekämpft und um mich geschlagen,
wie habe ich die Zähne zusammengebissen
und es trotzdem versucht – zu fliegen! –

Wie habe ich mich angestrengt, habe mich bemüht Dir zu gefallen,
Deinen Forderungen nachzukommen,
das zu tun, wozu Du mich gemacht hast – zu fliegen! –

Herr Jesus,
und was war das für ein unglaublich schönes Gefühl,
es manchmal geschafft zu haben,
in der Luft geblieben zu sein –
für einen und manchmal auch zwei Tage.

Und wie dreckig ging´s mir,
als ich die vielen, vielen anderen Male Tränen überströmt,
bis ins tiefste Innere enttäuscht mich wie ein Versager fühlte –
Weil ich schon wieder im Dreck gelandet war.

Weil ich es schon wieder nicht geschafft hatte,
meiner Bestimmung nachzukommen.
Weil ich schon wieder schwach war.
Weil ich schon wieder gefallen bin.

Ich liege dort und weine,
stammele, dass es mir leid tut,
es nicht zu schaffen –
Dir zu gehorchen und zu fliegen.

Ich liege dort und wage es nicht mehr,
einen neuen Versuch zu starten.
Denn es könnte wieder so unglaublich weh tun,
und ich bin so bitter enttäuscht.

Da höre ich Deine Stimme, wie sie zu mir spricht:
„Komm her zu mir, die Du mühselig und beladen bist.
Ich selbst will Dir Ruhe geben, denn ich bin Dein Heiland.“

Und ich spüre wie Du meine Flügel nimmst
und sie Dir anschaust –
aber es tut nicht weh,
denn Du bist vorsichtig.

Du zeigst mir deutlich all die kaputten,
gebrochenen und verwundeten Stellen,
und es sind so viele, dass ich Angst bekomme,
ich könnte meine Flügel nie wieder gebrauchen,
könnte nie, niemals wieder fliegen.

Doch Du verbindest sie, und ich merke,
dass für Dich nichts unmöglich ist,
spüre, dass Du mich heilen wirst.
Und dennoch habe ich Angst
vor Deiner Aufforderung: „Flieg!“

Da nimmst Du mich an die Hand und liest mit mir nach,
was Du gesagt hast, was wir tun sollen:
„Mein geliebtes Kind, bleib bei mir,
denn ich sehne mich nach Dir.“

Und plötzlich wird mir klar,
Du schickst mich gar nicht einfach los,
ich muss es ja gar nicht schaffen,
alleine in der Luft zu bleiben!

Du willst mit mir zusammen
durch die Welt
und durch mein Leben fliegen!

Ich halte Deine Hand ganz fest
und fühle,
wie Du den Druck erwiderst.

Ja, ich habe Angst wieder zu fliegen –

Aber Du bist ja bei mir.

(Cornelia Heunisch aus dem Buch „Fromme Typen“ von Andre Wilkes)

Advertisements

5 Gedanken zu “Gebrochene Flügel

  1. Danke! Solche Texte berühren mich viel mehr als Heldenepen, in denen eine Siegesmeldung die andere jagt – vermutlich weil ich sie mit meinem Leben so gut nachvollziehen kann! Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s