Das würde auch Jesus gefallen

Von ungefähr muss einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Dass ihn der andre leiten soll.

„Dir”, spricht der Lahme, „beizustehen?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
Doch scheint’s, daß du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen,
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auge deines sein.”

Der Lahme hängt mit seinen Krücken
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur für mich erwählte,
So würd er nur für sich allein
Und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.

Christian Fürchtegott Gellert:

Der Blinde und der Lahme.

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4 Gedanken zu “Das würde auch Jesus gefallen

  1. Schönes Gedicht. Und sehr wahr. Das Problem ist nur, dass sich viele in der Realität mit ihrer Blindheit und Lahmheit nicht nur zufrieden geben, sondern auch denken, dass alle anderen auch blind oder lahm sein sollten … dabei gäbe es so viel zu gewinnen und zu erfahren, würden sich die Menschen als Gemeinschaft zusammenfinden und von den Gaben der anderen profitieren…

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