Schöpferische Freiheit

Mein Vater ist bis heute am Werk, und ebenso bin ich am Werk.

Wenn man lange genug bei Gott rumhängt, beginnt Gott abzufärben. Man arbeitet nicht mehr aus irgendeinem moralischen Leistungsdruck heraus oder weil „man“ als Christ dies der jenes tun sollte. Wenn man mit jemandem zusammen lebt, dann färbt dessen Energie ab. Wenn man mit Gott lebt, dann beginnt Gott abzufärben. Das Wesen Gottes aber ist Kreativität und Schöpferkraft. Wer mit Jesus lebt, für den wird das, was er will, immer mehr das, was er auch selbst will.

Jesus nennt das, was er will, das „Reich Gottes“. Dieses „Reich“ ist das größte nur denkbare Ziel, denn es umfasst alles. Wenn man das mit jenem passiven, kleinkarrierten Christentum vergleicht, zu dem man uns erzogen hat, dann sieht man leicht den Unterschied. Erst wenn man weiß: „Ich und der Vater sind eins“, kann man große Risiken eingehen. Dann muss man nicht immer der liebe, brave Junge (oder das liebe brave Mädchen) sein. Dann muss man nicht ständig seinen Bückling vor dem System machen.

Die Versuchung Jesu in der Wüste zeigt das sehr plastisch. Er war dreißig Jahre alt geworden. So lange hatte es auch für ihn gedauert, bis er hören konnte, dass sein Vater zu ihm sagte: „Du bist mein geliebter Sohn.“ (Echt? Bei Jesus hat das auch so lange gedauert? Dann bin ich damals mit meinen 40 Jahren ja gar nicht soo aus dem Rennen) Das geschah bei seiner Taufe im Jordan. Jetzt wußte er, wer er war. Von diesem Zeitpunkt an hatte er die Freiheit, mit großer Entschiedenheit loszuziehen und sich den Versuchungen siegreich zu stellen. Er hatte dem Bösen etwas Stärkeres entgegenzusetzen.

Der innere Ort, wo wir hören können, dass wir gerufen und bestätigt sind vom Vater, jenes Selbstbewusstsein, das die meisten mystischen und geistlichen Autoren die „Seele“ nennen – das ist der Ausgangspunkt. Es ist der Ort, wo ich und der Vater eins sind. Wir haben es versäumt, Menschen an ihren geistlichen Personenkern, an ihre eigene Mitte heranzuführen. Wir haben Kirchgänger produziert, aber nur wenige geistliche Persönlichkeiten.

Karl Rahner sagt singemäß: Im nächsten Jarhundert wird die Volkskirche tot sein. Die Christen, die die jetzt bestehende Kirche überleben werden, das werden „Mystiker“ sein. – Vielleicht ist das etwas übertrieben. (finde ich nicht!) Aber worauf Rahner hinaus will, ist wohl dies: Wenn die Kirche mehr und mehr anfängt die Wahrheit zu sagen, dann wird es immer weniger opportun werden, Mitglied dieser Institution zu sein.

In manchen Ländern geschieht das bereits. dennoch ist die Kirche gerade in Amerika und Europa noch immer ein Phänomen der gutbürgerlichen Mittelschicht. Aber wenn wir wirklich beginnen, Jesus und das Evangelium beim Wort zu nehmen, dann wird das auf die Dauer beängstigend – oder sinnlos. Ohne echte Spiritualität werden auch die Rituale der Kirche immer sinnentleerter. Deshalb werden Menschen nötig sein, denen es um geistliches Leben geht und nicht nur darum, in irgendeinem Kirchenvorstand oder Pfarrgemeinderat mitzumischen.

***

Zitiert aus dem Buch von Richard Rohr „Der wilde Mann – geistliche Reden zur Männerbefreiung“. In Kursiv kleine Anmerkungen meinereiner, ansonsten voll aus meinem männlichen spirituellem Herzen abgeschrieben, weil ich mir Erweckung für die christliche Gemeinde wünsche.

Das Buch soll es nicht mehr als Neuauflage geben, aber auch in gebrauchter Version ist es empfehlenswert. Ich allerdings setzte nur den großen Daumen an, der ab Seite 69 bei der Überschrift „Vollmacht und Idiotie“  – fand die Metapher genial – hängen blieb und ich hier Seite 72 zitiere.

Nebenbei ganz zart bemerkt: „… von diesem Punkt „Du bist mein geliebter Sohn/meine geliebte Tochter“, hatte er die FREIHEIT mit großer Entschiedenheit loszuziehen und sich den Versuchungen siegreich zu stellen.“

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14 Gedanken zu “Schöpferische Freiheit

  1. „Kirchgänger statt geistliche Persönlichkeiten“ – wie wahr, wie wahr! 😦 Sehr gute und treffende Formulierung. Und ich schließ mich hier selbst ausdrücklich mit ein…

  2. Schade Jochen, dass du morgen nicht kannst … aber fast auch unwichtig für den Heiligen Geist, denn der Segen wird dennoch fließen. Puren auch für dich!

  3. „Deshalb werden Menschen nötig sein, denen es um geistliches Leben geht und nicht nur darum, in irgendeinem Kirchenvorstand oder Pfarrgemeinderat mitzumischen.“

    Und gerade deshalb finde ich es traurig, dass soviele wiedergeborere Christen sofort die Landeskirchen (allen voran die kath. Kirche) verlassen und eigene Grüppchen aufmachen. Man kann vor dort aus wunderbar über die anderen lästern.

    Die Wahrheit ist doch aber: man ist geflüchtet und hat die anderen allein gelassen. Es wäre besser gewesen dort zu bleiben und den Menschen dort zu zeigen wie ein geistliches Leben auszusehen hat…

    Sorry wenn das etwas aus dem Kontext ist, ist aber im moment gerade meine Situation.

  4. Hi again Quincy … ich weiß, dass das deine Ecke ist, aus der du wohl nicht nur gedanklich kommst und kann deine Gedanken nach vollziehen. War hier privat vor kurzem auch gerade das Thema. Ich glaube aber fest daran, dass dieser Textauszug nicht sagt „zu flüchten“. In erster Linie fängt diese Heilung in mir an, eine ganz persönliche Sache zwischen mir und Jesus und absolut ortsunabhänghig. Aus diesem gesunden Zustand „kann“ es dann sein, dass man sich bewusst entscheidet zu bleiben oder aber auch sicherlich zu gehen.
    Entscheidend ist die Reihenfolge: erst meine INTIME Beziehung zu Jesus auffrischen, beleben … dann automatisch Auswirkung nach außen. Die Krux der Geschichte: das verstehen so viele Menschen nicht. Sie laufen weg, hoffen Erfüllung zu finden, schaffen sich dafür neue Co-abhängigkeiten und es dauert nicht lange, dann stehen sie genau wieder an der selben Stelle.
    Segen dir! Sabina

  5. Huhu!

    Der Richard Rohr ist klasse und ich durfte ihn mal persönlich kennen lernen – ein wilder Mann! Das Buch gibt es übrigens in einer sehr guten Überarbeitung und Neuauflage unter dem Titel: vom wilden Mann zum weisen Mann. Richard Rohr hat eine Menge daran gearbeitet und einige Kapitel ergänzt und/oder gestrichen.

  6. Karl Rahner erörterte in seinen Arbeiten sehr umfassend den Begriff des sog. „übernatürlichen Existentials“, ein nicht selten mißverstandener Terminus. Gemeint ist damit in der Tat die allerinnerste Mitte unserer Erkenntnis- und Freiheitvollzüge – die vorempirische (transzendentale) Selbstmitteilung Gottes in seinem Geist als innerste Bedingung der Möglichkeit eines echten Hörenkönnens, des inneren Hörorgans gewissermaßen. Wichtig ist es allerdings in diesem Zusammenhang mitzubedenken, daß das genannte Existential k e i n Wesenskonstitutiv des Menschen darstellt, mithin die Freiheit des Menschen als Vermögen, sich als einen und ganzen zu vollziehen, im Zustand der Sünde eben selbstverkrümmte Freiheit – krankhafte Freiheit ist. Desweiteren meinte Rahner mit dem Begriff des künftigen Christen als Mystiker nicht einen Eingeweihten im Sinne der klassischen Mystik (Meister Eckhart oder Teresa von Avila beispielsweise); Gotteserfahrungen bestanden für ihn mithin nicht in raumzeitlosen Befindlichkeiten der Psyche – das wäre Schwärmertum. Sie sind vielmehr vermittelte, an der Schöpfung, am Nächsten vermittelte Erfahrungen im Raum des Christusglaubens. Dies nur als kleine Ergänzung zu einem abermals gelungenen Eintrag – klasse, Sabina ;-).

  7. Danke Eule … jedoch nicht zu viel der Ehre, ich habe nur abgeschrieben 🙂 identifiziere mich aber sehr mit dem, was ich da gelesen habe, sonst hätte ich nicht gebloggt. Danke für deine Ergänzung. Ich kenne Rahner nicht, er wird aber nicht selten zitiert.

  8. Gern´ geschehen, Sabina. Hintergrund meines Beitrags bildet u. a. die Fragestellung nach dem Empfang des Heiligen Geistes. Daß dieser kein gnostisch anmutendes Fluidum darstellt, sondern die innerste Mitte des Kosmos, des Lebens, unseres je eigenen Daseins bildet, ist angesichts postmoderner, esoterisch ausgerichteter Religiosität von nicht geringer Bedeutung. Auch in bestimmten christlichen Kreises sucht man geradezu krampfhaft nach besonderen psychischen Erlebnissen, an denen man sich des Heils zu vergewissern sucht, nach vermeintlich vom Heiligen Geist zugeraunten Spezialeffekten, die man womöglich noch im Kontext der klassischen Mystik – darin den Esoterikfreaks nicht ganz unähnlich – interpretieren könnte. Und wer solche sonderbaren Befindlichkeiten nicht aufzuweisen hat – der ist eben allenfalls ein Christ zweiter Klasse. Demgegenüber ist jedoch zu bemerken, daß der Geist Gottes auch und gerade eine konkrete Gestalt hat – im Wort Gottes. Beide Momente – das Transzendentale (Vorempirische) wie Kategoriale (Konkrete) sind aufeinander bezogen, können nicht voneinander isoliert, gegeneinander ausgespielt werden. Geistesgaben sind mithin konkret vermittelte, keine gespenstisch in uns auftretende Gaben. In diesem Zusammenhang mag Dich der aufschlußreiche Text auf

    http://www.irt-ggmbh.de/downloads/hlgeistempfangen.pdf

    interessieren. Gottes Segen und herzliche Grüße!

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