Sanfte Geburt

Meine Nachbarin … ich mag sie sehr. Über 60 Jahre alt, trockene Alkoholikerin, Sozialhilfeempfängerin. Was ich hier schreibe, spielt sich über einige Monate ab.

Sie darf diese Wohnung behalten, aber nur weil der Vermieter die Miete senkt, ansonsten hätte das Sozialamt gefordert, dass sie in eine kleinere Wohnung umzieht. Als sie hier einzog, hatte sie noch einen Job. Dann ist sie rückfällig geworden und nach mehreren Abmahnungen wurde sie gefeuert.

Heute ist sie wieder stabil. In unserer Nachbarschaft ist sie sozial sehr gut eingebunden. Der Kontakt zu mir, scheint ihr gut zu tun. Mir tut sie auf alle Fälle gut, wenn sie meinen Garten versorgt, weil ich beruflich sehr stark eingebunden bin und ich nicht noch auf dem Grund ackern kann.

Wenn sie mir was mitteilen will – sie aber schon zu Bett geht, während ich noch nicht zu Hause bin – dann schreibt sie auf nettem Briefpapier tolle Zeilen und steckt mir den Brief oder die Karte ordentlich in den Kasten.

Ein Geben und Nehmen – Kontaktpflege!

Durch die Suppenküche kam sie in unsere Gemeinde. Nun kommt sie schon seit einigen Jahren zum Gottesdienst. Durch ihre Selbsthilfegruppe und den Kontakt mit Freunden aus der Gemeinde, hat sie sich verändert, ist lockerer geworden, öffnet sich und geht mit sich selber einfach klasse um.

Mit Jesus hat sie sich immer wieder beschäftigt und viel in der Bibel gelesen. Ich hatte mir in einer Zeit des Burnouts eine Kinderbibel gekauft, vom Text dicht an meiner „Erwachsenen Bibel“ dran, selber aber suchend mit dem Blick „… wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“. Hört sich jetzt schräg an, war aber eine segensreiche Zeit für mich. Diese Bibel habe ich ihr geschenkt. Warum schwere Kost, wenn Jesus in ihrer Nähe sein  will?

Auch durch ihre Kreuzworträtsel hat sie viel nachgefragt, wenn es um biblische Suchbegriffe ging. Soweit zum alten Testament …

bis das neue Testament leibhaftig durchbrach ….

Wenn sie Sehnsucht nach der Gemeinde hat und ich bin nicht da, dann geht sie auch ohne mich. So auch an irgendeinem Ostersonntag vor 2 Jahren, als ich in Holland war. Als ich wieder kam, merkte ich, dass sie was bedrückt. Vorsichtig nach gehakt kam raus:

Dieser Jesus schafft mich!

Ich musste innerlich schmunzeln, wie sie das so sagte. Halleluja! Der heilige Geist war liebevoll am Werk. Verbal ich zu ihr: „Warum denn das?“ „Ich komme mit der Auferstehung nicht klar.“- Seitdem hat sie viele Fragen, die noch nicht alle beantwortet sind. Macht nichts, sanfte Geburt …

Immer wieder nahm sie das Abendmahl gedankenlos. Dann kam eine Zeit, da wollte sie es genauer Wissen. Das mag ich so besonders an ihr: sie geht nicht leichtfertig mit all den Dingen um. Sie fragt nach, will es verstehen.

Gut … Abendmahl erklärt und verstanden. Und ab hier wird es für sie persönlich, persönlich mit Jesus. Weil sie die Auferstehung nicht versteht, nicht persönlich annehmen kann, geht sie ab jetzt verantwortungsbewusst mit dem Abendmahl um: sie nimmt nicht teil. Keine traurige Sache, Jesus bleib weiter am Werk.

Eine Freundin von mir hat bis vor kurzem in einer Buchhandlung gearbeitete, ein Klönschnack in diesem kleinen Laden war immer möglich. Auch meine Nachbarin ging oft zu ihr hin, denn wir hatten ihr Gastfreundschaft angeboten.

Kleine Dinge sind passiert, die immer wieder toll waren. Zwischendurch kam sie auch mal nicht zur Gemeinde und nie zum Abendmahlsgottesdienst, auch wenn wir sie freundschaftlich in unsere Mitte genommen hätten und ihr Mut machten, dass es gerne sein darf, den Kelch weiter zu geben.

Dann kam die Sehnsucht wieder ins Herz, der Durst nach Gott. Zwischendurch war sie auch mal in einem Abendmahlgottesdienst  und hat einfach nur die Gemeinschaft genossen und den Kelch weiter gegeben.

Heute sagte sie mir vor dem Godi: „Mir macht es nichts mehr aus, mit zu kommen, wenn Abendmahl ist. Ob ich daran teilnehme, weiß ich allerdings noch nicht.“ Macht nichts, sanfte Geburt …

Dann kam der Kelch! Und ich weiß, dass sie sich das sehr gut überlegt hat …

sanfte Geburt.

Auf der Rückfahrt habe ich gesagt: „Weißt du was? Jesus hat dich ganz doll lieb.“ Zweifelnd dennoch die Frage: „Ja? Meinst du?“ – Das zweifeln ist erlaubt. Wer nie oder schwer Liebe im Leben erfahren hat, der wird auch erstmal ganz natürlich an der Liebe Gottes zweifeln. Ich aber zweifel nicht, dass Jesus sie ganz doll lieb hat.


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3 Gedanken zu “Sanfte Geburt

  1. sehr schöne Sache das!

    mir fällt dazu ein:
    „Kümmert euch um die Leute, die geistlich schwach auf der Brust sind. Bringt sie nicht durch irgendwelche Diskussionen auch noch schräge drauf.“ Röm.14,1 VB

    Segen

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